Schmerzen beim Hund verstehen – wenn der Körper leise spricht

 
Hund wird von einem Menschen sanft am Kopf berührt
 

Wenn wir an Schmerzen denken, haben wir oft ein ziemlich eindeutiges Bild vor Augen: Ein Hund lahmt, jault auf, möchte sich nicht bewegen oder lässt sich an einer bestimmten Stelle nicht anfassen. Doch Schmerzen zeigen sich längst nicht immer so deutlich.

Gerade länger bestehende oder langsam zunehmende Schmerzen können sich ganz anders bemerkbar machen. Statt deutlich zu lahmen oder aufzujaulen, verändert ein Hund vielleicht seine Bewegungen, seine Körperspannung oder sein Verhalten. Manche Reaktionen sind so wenig eindeutig, dass wir sie zunächst gar nicht mit Schmerzen in Verbindung bringen.

Gleichzeitig läuft der Hund weiterhin seine Spaziergänge mit, freut sich über sein Futter, sucht die Nähe seiner Menschen und hat Spaß an gemeinsamen Aktivitäten. Und trotzdem kann ihm etwas wehtun.

Das macht es manchmal so schwierig, Schmerzen beim Hund richtig einzuschätzen. Nicht unbedingt, weil der Hund nichts zeigt – sondern weil wir das, was er zeigt, nicht immer mit Schmerzen in Verbindung bringen.


Warum wir Schmerzen beim Hund leicht unterschätzen

Gerade bei länger bestehenden Beschwerden kann es schwierig sein einzuschätzen, wie stark ein Hund tatsächlich beeinträchtigt ist. Viele Hunde passen sich an ihre Situation an und finden Wege, ihren Alltag weiterhin zu bewältigen.

Für uns Menschen ist das schnell beruhigend: Wenn mein Hund noch so viel Freude hat, kann es ihm doch eigentlich nicht wirklich schlecht gehen.

Doch Lebensfreude und Schmerzen schließen sich nicht gegenseitig aus.

Gerade chronische Schmerzen entwickeln sich zudem häufig schleichend. Dadurch kann sich auch unsere Wahrnehmung mit der Zeit an den veränderten Zustand unseres Hundes anpassen. Was allmählich entstanden ist, erscheint irgendwann vielleicht als normal – oder wird bei einem älteren Hund seinem Alter zugeschrieben.

Natürlich verändert sich ein Hund mit zunehmendem Alter. Aber Alter an sich verursacht keine Schmerzen. Beschwerden sollten deshalb nicht allein damit erklärt werden, dass ein Hund eben älter geworden ist.

Was sich mit zunehmendem Alter verändern kann und wie du deinen Seniorhund gut begleiten kannst, erfährst du auch in meinem Blogartikel „Woran du erkennst, dass dein Hund älter wird - und wann er Unterstützung braucht”.


Schmerz zeigt sich nicht nur in der Bewegung

Ein wichtiger Teil meiner physiotherapeutischen Arbeit ist das Beobachten des Hundes – nicht nur beim Laufen, sondern auch während der Untersuchung und Behandlung.

Wie reagiert er auf meine Berührung? Bleibt sein Körper weich oder spannt er sich plötzlich an? Dreht er den Kopf zu mir? Zieht er einen Körperteil weg? Steht er auf? Beginnt er zu hecheln? Leckt er sich über die Nase oder versucht er, mehr Abstand zu bekommen?

Auch ein Knurren oder das Heben der Lefze kann in diesem Zusammenhang eine wichtige Information sein.

Das bedeutet nicht, dass jede dieser Reaktionen automatisch für Schmerzen steht. Ein Hund kann beispielsweise hecheln, weil ihm warm ist oder weil die ungewohnte Situation in einer Praxis ihn stresst. Er kann den Kopf zu mir drehen, weil er neugierig ist. Und selbstverständlich darf ein Hund auch einfach eine Berührung unangenehm finden, ohne dass die berührte Stelle schmerzhaft ist.

Deshalb ist es wichtig, nicht ein einzelnes Verhalten herauszugreifen. Entscheidend ist das Gesamtbild: Was passiert gerade? Welche Körperregion wird berührt? Verändert sich die Reaktion bei bestimmten Berührungen? Was zeigt der Hund davor und danach?

Seine Reaktion ist zunächst einmal eine Information. Und die nehme ich ernst.


„Aber zu Hause kann ich ihn dort anfassen“

Manchmal reagieren Hunde bei einer physiotherapeutischen Untersuchung auf eine Berührung, obwohl ihre Menschen berichten, dass sie zu Hause an derselben Stelle problemlos angefasst werden können.

Das ist kein Widerspruch.

Eine Berührung ist nicht einfach nur eine Berührung. Es macht einen Unterschied, wie viel Druck ausgeübt wird, in welche Richtung sich Haut, Muskulatur oder Gelenke bewegen und welche Strukturen dabei angesprochen werden. Auch die Situation selbst spielt eine Rolle.

Und Hunde können unangenehme Berührungen durchaus tolerieren. Nur weil ein Hund stillhält oder nicht knurrt, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass sich eine Berührung für ihn gut anfühlt.

Umgekehrt ist ein Knurren während einer Behandlung für mich kein „schlechtes Verhalten“. Es ist Kommunikation. Der Hund sagt mir damit sehr deutlich, dass ihm die Situation gerade unangenehm ist oder dass ich eine Grenze erreicht habe.

Gerade bei einem Hund, der Schmerzen haben könnte, sollte die Frage deshalb nicht sein: „Warum lässt er das nicht zu?“, sondern vielmehr: „Warum zeigt er dieses Signal gerade?“


Wenn Schmerz den ganzen Körper verändert

Unser Körper – und der eines Hundes – versucht schmerzhafte Bereiche zu schützen.

Tut beispielsweise die Hüfte weh, wird das betroffene Bein möglicherweise weniger belastet. Der Hund verlagert sein Gewicht anders, verändert seine Bewegungen und nutzt andere Muskelgruppen stärker.

Kurzfristig ist das durchaus sinnvoll. Der Körper versucht, einen schmerzhaften Bereich zu entlasten.

Besteht diese Situation jedoch über längere Zeit, kann aus dieser Anpassung ein neues Problem entstehen. Andere Strukturen müssen dauerhaft mehr Arbeit übernehmen. Muskulatur kann sich verändern, Beweglichkeit kann verloren gehen und stärker belastete Körperbereiche können ihrerseits Beschwerden entwickeln. (Mehr dazu: Die unterschätzte Kraft der Muskulatur“.)

Ein Hund mit Schmerzen in der Hinterhand hat deshalb nicht zwangsläufig ausschließlich dort ein Problem. Wenn er sein Gewicht über längere Zeit verstärkt nach vorne verlagert, werden Vordergliedmaßen, Schulterbereich und die dazugehörige Muskulatur entsprechend stärker beansprucht.

Deshalb betrachte ich in der Physiotherapie nicht nur die Körperstelle, an der bereits eine Diagnose vorliegt oder an der der Hund offensichtlich Beschwerden zeigt. Der Körper funktioniert als Ganzes – und genau so sollte er auch betrachtet werden.


Schmerz bedeutet auch Stress

Schmerz betrifft nicht nur Muskeln und Gelenke.

Wer selbst schon einmal länger Schmerzen hatte, kennt vielleicht die Auswirkungen: Man ist schneller erschöpft, schläft schlechter, reagiert empfindlicher oder hat schlicht weniger Geduld. Dauerhafte Schmerzen kosten Kraft.

Bei unseren Hunden ist das nicht grundsätzlich anders.

Hunde können aufgrund von Schmerzen reizbarer reagieren, Berührungen weniger gut ertragen oder sich in bestimmten Situationen schneller unwohl fühlen. Vielleicht fällt es ihnen auch schwerer, zur Ruhe zu kommen. Das bedeutet nicht, dass hinter einer Verhaltensveränderung automatisch Schmerzen stecken. Aber körperliches Unwohlsein kann beeinflussen, wie ein Hund auf seine Umwelt, auf andere Hunde oder auf uns Menschen reagiert.

Auch während einer physiotherapeutischen Behandlung lässt sich nicht immer eindeutig trennen, was gerade eine Reaktion auslöst. Die fremde Umgebung kann einen Hund verunsichern, die Berührung durch einen unbekannten Menschen kann ungewohnt sein – und möglicherweise kommt gleichzeitig noch eine schmerzhafte Körperregion hinzu.

Gerade deshalb finde ich es so wichtig, Körper und Verhalten nicht getrennt voneinander zu betrachten.


Den Hund ernst nehmen, bevor er deutlicher werden muss

Unsere Hunde können uns nicht sagen, ob eine Bewegung zieht, eine Berührung unangenehm ist oder eine Hüfte heute stärker schmerzt als gestern.

Aber sie können darauf reagieren.

Manche Hunde tun das sehr deutlich, andere wesentlich zurückhaltender. Und manchmal verstehen wir erst im Nachhinein, was eine bestimmte Veränderung bedeutet hat.

Es geht deshalb nicht darum, hinter jedem Hecheln, jedem Blick oder jeder ungewöhnlichen Bewegung sofort Schmerzen zu vermuten. Das würde weder uns noch unseren Hunden helfen.

Es geht vielmehr darum, ihre Reaktionen ernst zu nehmen und neugierig zu bleiben, wenn sich etwas verändert oder ein Hund bestimmte Berührungen oder Bewegungen wiederholt unangenehm findet.

Denn ein Hund muss nicht erst laut werden, damit sein Unwohlsein zählt.

Und vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Gedanken im Umgang mit Schmerzen: Nicht erst darauf zu warten, dass ein Hund sehr deutlich zeigt, dass etwas nicht stimmt, sondern ihm schon dann zuzuhören, wenn sein Körper und sein Verhalten beginnen, eine andere Geschichte zu erzählen.

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Was braucht DEIN Hund wirklich? Bedürfnisse, Veranlagung und Persönlichkeit verstehen